Liebe Leserinnen und Leser,
hier ein paar kurze Leseproben von den get shorties AutorInnen. Viel mehr Geschichten zum Selberlesen gibt es in unseren get shorties Taschenbüchern und Kurzgeschichtenzeitschriften. Wer aber wirklich die allerneusten Kurzgeschichten hören will, muss uns auf einer unserer zahlreichen Veranstaltungen besuchen kommen. Es lohnt sich.

Stolzer Moment
Marcus Sauermann

Ich weiß auch nicht genau, wie das passieren konnte. Vielleicht lag es an der frühen Stunde, normalerweise komm ich ja um die Zeit immer erst von der Kneipe nach Hause, vielleicht bin ich auch wirklich komplett durch den Wind, wie alle sagen. Jedenfalls hat der Hund früh morgens gewinselt und an der Tür gekratzt, da wollte ich kein Risiko eingehen. Ich kannte das Tier schließlich nicht, ich hatte es ja nur in Pflege, bis Oma wieder aus der Reha zurückkommt. Vielleicht eine gute Gelegenheit, hab ich gedacht, mal für alle im Haus Brötchen zu holen - jetzt, wo die Stimmung nach der Polizeidurchsuchung nicht die Beste war. Ich schnappte mir also die Leine und zog mit dem Dackel los. Laterne um Laterne, Baum um Baum markiert er sich zur Bäckerei vor. Das ist wohl die einzige Freiheit, die er in seinem erbärmlichen Hundeleben noch hat, dachte ich so bei mir. Fressen, schlafen, Gassi gehen, fressen, schlafen, Gassi gehen... Er tut mir fast so Leid wie der Wellensittich meiner Oma. Noch nie in seinem Leben ist der richtig geflogen. Immer nur von Stange zu Stange in dem viel zu kleinen Käfig. Was für eine Schande, wenn man bedenkt, dass er in irgendeinem fernen Urwald zwischen Äffchen und Orchideen herumfliegen und um die Gunst eines Weibchens trällern könnte. Und was macht er? Quatscht mit seinem Spiegelbild und wartet.
Und ich? Geht's mir besser? Ich warte doch auch nur... auf Sonnenuntergang, damit ich wieder durch die Kneipen ziehen kann, warte auf ein Zeichen von Birgit, dass sie vielleicht doch wieder mit den Kindern zurückkommt, warte und warte und warte, völlig vergeblich... genau wie der Vogel, genau wie der Hund. Das wurde mir in diesem Moment so klar wie lange nicht mehr, ich bin - wie gesagt - um Zeit ja auch nie wach, aus gutem Grund. Die Wut stieg in mir hoch, ich wurde unglaublich zornig - auf meine Oma, auf all die Unterdrücker dieser Welt, die uns geschundene Kreaturen warten lassen, Wut auf mich selbst, dass ich tatenlos das alles immer mit mir machen lasse... Ich starre auf den Dackel, wie er mit mir vor der roten Fußgängerampel wartet und wartet und ich denke an Birgit, das verdammte Luder, und ich denke an den Vogel in seinem Käfig und ich schnappe mir den armen Hund und ich nehme ihn in den Arm und ich küsse ihn und ich hole aus und ich werfe ihn in die Luft so hoch ich nur kann und ich schreie: "Flieg! Du bist frei!"
Noch im gleichen Moment überkam mich die Ahnung, dass da wieder mal was in meinem Kopf durcheinander geraten war. Andererseits sah ich den Blick des Dackels in der Luft. Sicher, da war zum einen Irritation, aber ich hatte auch den Eindruck da war auch ein Funken Stolz - Stolz, in diesem Moment so eine Art Symbol zu sein für die verzweifelte Befreiung aller unterdrückten Kreaturen dieser Welt. Und ich glaube, der liebe Gott sah das ähnlich. Weswegen sonst ließ er den fliegenden Dackel unbeschadet auf der Markise des Bäckers landen? Der Bäcker dagegen hatte nur ein Kopfschütteln für mich übrig, als ich den zitternden Dackel von seiner Markise herunterholte. Hab' ich zum Trotz nur ein Mohnbrötchen bei ihm gekauft. So nämlich!

Erschienen auf einer Bäckertüte der Bäckerei Haerdtner & Böhringer/ Heilbronn im Juli 2007, Auflage 50 000 Stück .


Wertiger Versuch
Nicolai Köppel

Am frühen Nachmittag sieht meine Küche aus wie Sau. Die Minuten verrinnen: in etwas mehr als sechseinhalb Stunden, also um acht kommt Sie und erwartet nicht nur frischen Duft, den ich nicht bieten kann - auch nach dem Müllruntertragen riecht die ganze Wohnung wie ein Fruchtfliegenpuff, nein, sie erwartet auch sicher einen gewaschenen Typen mit frischen Klamotten. Jetzt, vierhundert Minuten, bevor dein Finger erst auf die Klingel drückt und danach in alle Ecken zeigt, in denen noch Dreck liegt, stehe ich mit strähnigen Haaren, für die selbst Bob Marley hätte deutlich älter werden müssen, als er geworden ist, in meinen alten Boxershorts im Flur und denke nach. Hab ich überhaupt neue Boxershorts? Und was kosten solche Kleidungsstücke, jetzt, in Euro? Noch ein Problem: das Essen. Ich kann nicht kochen. Das schmutzige Geschirr sammle ich auf der Herdplatte. Letzten Monat war noch eine Platte frei, da habe ich mir sozusagen in letzter Minute einen Espresso gemacht. Das waren noch Zeiten. Huch, es klingelt. Was für ein Glück. Ich brauche dringend eine Anregung von außen. Es ist aber nur der Hausmeister, der sich über den Gestank aus meinen Mülltonnen beschwert. Es sind doch Mülltonnen, sage ich. Ja, sagt er, aber alles hat seine Grenzen. Ich verspreche, die Tonnen nach der nächsten Leerung von innen auszuwaschen. Er glaubt mir nicht. Er ist ja auch nicht ganz doof. Noch drei Stunden. Und was ist, wenn wir essen gehen, irgendwo, wo das Licht nicht so hell ist, denn ich bin in den vergangenen Jahren auch älter geworden. Sie soll nicht das Gefühl bekommen, ich hätte die besten Jahre meines Lebens ohne sie verbracht. Habe ich aber. Ich könnte meinen Nachbarn bitten, mir seine Wohnung für heute abend zu leihen, nur solange, bis sie gemerkt hat, dass ich immer noch der Mann ihres Lebens bin und nicht irgendso ein Loser, der in seiner dreckigen Küche nicht weiß, wo er anfangen soll mit Putzen. Aber das bin ich doch. Naja, bei ihr konnte ich nie ganz ich selbst sein. Aber mir jetzt auch noch einen fremden Haushalt draufschaffen, lernen, wo die Tassen sind, mich darauf vorbereiten, den seltsamen Musikgeschmack meines Nachbarn als meinen eigenen zu verkaufen? Das wäre doch ein Zeichen, dass ich mich wirklich geändert hätte! Schließlich, zwanzig Minuten, bevor wir uns treffen, entscheide ich mich zwischen Verzweiflung und Aktionismus für die dritte Variante und hoffe, dass sie inzwischen fett geworden ist. .

Nachtrag: wir wurden beide enttäuscht.




Grillparty
Ingo Klopfer

Bisher lief alles ganz gut, bis Hagen eines Abends unbeabsichtigt den sprechenden Igel überfuhr. Hagen wusste ja nicht, dass gerade der Igel sprechen konnte und missionarisch unterwegs war um alle anderen Igel vor den Autofahrern zu warnen. So etwas war in der Evolution einmalig. Ja man hätte es dies sogar als ein Beweis für eine eventuell göttliche Existenz, sehen können. Den Igel ward ein Messias geboren. Einer der vermitteln sollte. Einer der die Menschen verstand und nun, seinen so leidgeprüften Artgenossen aufklären sollte, dass die Menschen und ihre Automobile, das mit dem Plattfahren nicht absichtlich tun. Die Igel hatten nämlich begonnen an ein Schicksal zu glauben und diesen Tod auf der Straße als ein wahres Martyrium zu feiern. Aber der Lagermeister "Erzigel Mecki Meck" im Igelhimmel kam einfach nicht mehr mit der Seligsprechung nach. Zwar ließen sich plattgefahrene Igel besser aufeinander stapeln als die Igel, die eines natürlichen Todes gestorben waren, trotzdem sollte das natürliche Sterben wieder eingeführt werden. Damit der Igelhimmel nicht platzt.
" Sorry" dachte Hagen, als er den Himmelsgesandten Igel platt fuhr und es leicht unter seinem Vorderrad rumpelte. Hagen war mit seiner Freundin auf dem Weg zu einer kleinen Grillparty eingeladen. Als die Glut gut war und sie die ersten Steaks und Würste auf den Rost legten, fielen die ersten kaputten Igel vom Himmel. Manche kamen nur als blutige verweste Klumpen herunter die weich auf dem Boden aufschlugen und zermatschten. Andere die noch ein paar von ihren Stacheln hatten richteten größeren Schaden an. Neben Hagen wurde die Freundin des Gastgebers von so einem Ding getroffen und ging in die Knie. Einige tote Igel fiel in den aufgebauten Grill, sodass die Funken nach allen Seiten stoben. Hagen rettet sich mit ein den Partygästen, die diesen ersten Wolkenbruch überlebt hatten unter das Dach der Waldhütte. Dann brach der Himmel auf. Es schüttete tote Igel. Diejenigen Gäste die noch verletzt in der Wiese lagen oder sich nicht hatten retten können, wurden nun von den stachligen Geschossen erschlagen. Und als wäre das nicht genug - öffneten sich nun auch andere Himmelspforten und plötzlich fielen auch noch all die überfahrenen Hunde, Katzen und Frösche auf die Erde, während der Grill munter weiter brannte und es überall nach verbrannten Igelfleisch mit Froschgrütze roch. Hagen und die anderen Überlebenden schauten unter dem bluttriefenden Dach hervor und ließen sich vom Anblick dieser animalischen Grillparty deprimieren.



GALILEO
Volker Schwarz

"Und sie bewegt sich doch!", triumphierte Galileo, nachdem er sich minutenlang abgemüht hatte, um diese vermaledeite Holzschraube zu lösen. Endlich ließ sich der Fensterladen öffnen, damit er in Erfahrung bringen konnte, weshalb sich auf dem Campo dei Fiori ein so fürchterliches Geschrei vollzog.
Vorsichtig spähte er hinaus, denn er wollte unerkannt bleiben. Niemand wusste, dass Galileo sich heute, am siebzehnten Februar Anno Domini 1600, hier in Rom aufhielt. Einesteils hatte ihn die dreifache Vaterschaftsklage seiner Haushälterin zu diesem anonymen Aufenthalt inspiriert. Vornehmlich gründete seine Flucht aus Pisa jedoch auf den fatalen Folgen seiner Pendelversuche, welche er heimlich am Campanile durchgeführt hatte.
In jener verhängnisvollen Nacht hatte Galileo geplant, mittels Ochsengespann und der Zugrad-Konstruktion eines nicht untalentierten Burschen, eines gewissen Leonardo da Vinci, eine Kuh auf halbe Höhe des Campanile zu heben, um sie sodann in Schwingung zu versetzen. Von dem Experiment erhoffte er sich Aufschluss über die Gesetzmäßigkeiten des Fadenpendels sowie zentrifugierte Milch zu erhalten; sein Medicus hatte ihm eine solche Kur verordnet. Je nun, die dummen Ochsen hatten sich in ihrer Sturheit nicht mehr anhalten lassen, weshalb das muhende Pendel stracks bis zum Anschlag empor gehievt wurde. Ja, und sodann - oh ihr erbärmlichen Pisaner Baumeister! - war es geschehen: Der Turm hatte sich plötzlich geneigt. Als das Seil jäh riss, plumpste die bedauernswerte Kuh der Erde entgegen, wo sie schließlich auf dem Grün des Heiligen Feldes zerbarst - eine Trikolore aus Gras, Milch und Blut. Doch welch aufschlussreiche Beobachtung: Als das Rindvieh geschwind der Schwerelosigkeit ausgesetzt war, strebte seine Geschwindigkeit nach anfänglich beschleunigter Bewegung einem konstanten Wert zu.
Freier Fall! Das musste sich Galileo bei Gelegenheit notieren. Als der Nachtwächter beim Anblick des schrägen Campanile Alarm schlug, floh Galileo noch in derselben Nacht aus Pisa. Hier in Rom wollte er sich verbergen, bis die Zeit diese unangenehme Sache wieder begradigt hatte.
Als Galileo nun den Fensterladen öffnete, erspähte er sogleich den Dominikanermönch Giordano Bruno, einen Bruder im wissenschaftlichen Geiste. Jener befand sich gegenwärtig in hitzigem Disput: Bruno war auf einen lodernden Scheiterhaufen gefesselt und beschimpfte den umstehenden, grausam spottenden Pöbel. Hatte dieser bedauernswerte Narr doch aller Welt gepredigt, die Erde kreise um die Sonne. Und dafür brannte ihm jetzt die Kutte. Galileo war entsetzt. Unten herrschte Festtagsstimmung und er hatte keinen Wein zur Hand. "Bruno, du Dummkopf!", seufzte Galileo, wohl wissend um die Richtigkeit von dessen astronomischer Erkenntnis. "Ich hatte dich doch gewarnt: Wenn dir die Inquisition im Nacken sitzt, den Planeten immer schön flach halten!"